Landwirtschaftliche Betriebe sichern seit vielen Jahrhunderten unsere Versorgung mit Nahrungsmitteln. In den letzten Jahrzehnten haben sie jedoch eine weitere Aufgabe übernommen: die Produktion von Energie. Aus Biogas, Biomasse, Photovoltaik oder Windkraft entsteht ein beachtlicher Teil der erneuerbaren Strom- und Wärmeerzeugung in Deutschland. Damit wandeln sich Landwirte zu Energiewirten. Welche Rolle spielt die Landwirtschaft in der Energiewende und was sind etablierte und innovative Methoden, die zur Energieversorgung beitragen?
Erneuerbare Energien haben ihren festen Platz im deutschen Energiesystem. 2024 stammten 57 Prozent der hierzulande erzeugten Energie aus erneuerbaren Quellen. Windkraft und Photovoltaik bildeten dabei den größten Anteil, gefolgt von Biogas. Die Landwirtschaft ist maßgeblich an dieser Energieerzeugung beteiligt: Rund ein Viertel aller landwirtschaftlichen Betriebe betrieb 2023 Anlagen zur Energieerzeugung. Das Spektrum reicht von Solaranlagen auf Dächern über Biogasanlagen bis hin zu Windrädern auf betriebseigenen Flächen.
Die Energieproduktion bietet landwirtschaftlichen Betrieben zusätzliche Einkommensquellen und macht sie unabhängiger von schwankenden Produktpreisen auf den Agrarmärkten. Zudem stärkt sie die regionale Wertschöpfung und trägt dazu bei, dass Klimaziele erreicht werden.
Je nach Standort, Betriebsstruktur und verfügbaren Ressourcen erzeugen landwirtschaftliche Betriebe unterschiedliche Formen der Energie. Die wichtigsten Erzeugnisse sind Biogas und Biomasse, Photovoltaik sowie Windkraft.

Biogas entsteht durch die Vergärung von Gülle, Mist, Energiepflanzen oder anderen organischen Reststoffen. In Blockheizkraftwerken wird es anschließend in Strom und Wärme umgewandelt. Der verbleibende Gärrest dient als Dünger, der Nährstoffe in den Boden zurückführt und Mineraldünger ersetzt. Damit schließt sich ein Kreislauf, der Energiegewinnung, Bodenfruchtbarkeit und Emissionsminderung verbindet. In Deutschland existieren über 9.000 Biogasanlagen, die rund sechs Prozent des gesamten Strombedarfs decken. Ein besonderer Vorteil liegt in der Speicherfähigkeit: Im Gegensatz zu Wind- oder Solarenergie kann Biogas flexibel eingesetzt werden und hilft so, Schwankungen im Stromnetz auszugleichen. Zukünftig soll auch verstärkt Biomethan in das Erdgasnetz eingespeist oder zu Bio-LNG („Liquified Natural Gas“, chemisch identisch mit Flüssigerdgas) verarbeitet werden, um klimaneutrale Treibstoffe für den Schwerlastverkehr bereitzustellen.

Photovoltaikanlagen sind heute in vielen landwirtschaftlichen Betrieben fester Bestandteil der Energieerzeugung. Vor allem große Dachflächen von Stallungen oder Scheunen bieten ideale Standorte für Solarmodule. Daneben entstehen zunehmend Freiflächenanlagen, die gezielt für die Stromproduktion genutzt werden. 2024 lag die installierte Photovoltaikleistung in Deutschland bei über 87 Gigawatt – ein beträchtlicher Anteil davon entfällt auf Flächen in landwirtschaftlicher Nutzung.
Eine innovative Weiterentwicklung stellt die Agri-Photovoltaik (Agri-PV) dar. Dabei werden Solarmodule so über Ackerflächen installiert, dass diese weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden können. Erste Projekte zeigen, dass die Erträge vieler Kulturen stabil bleiben oder sich sogar verbessern, weil die Module Schatten spenden und Pflanzen vor Extremwetter schützen. Schätzungen zufolge könnte Agri-PV künftig bis zu zehn Prozent des deutschen Strombedarfs decken, ohne die Nahrungsmittelproduktion einzuschränken.

Auch Windkraftanlagen sind ein wichtiger Bestandteil der landwirtschaftlichen Energiewirtschaft. Häufig werden sie auf landwirtschaftlichen Flächen errichtet, wobei die Betriebe entweder über Pachteinnahmen profitieren oder sich direkt an Windparks beteiligen. Besonders in Nord- und Ostdeutschland ist die Windkraft eng mit der Landwirtschaft verknüpft. 2024 stammten über 30 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms aus Windenergie, ein Großteil davon aus Anlagen im ländlichen Raum. Für viele Betriebe bietet die Windkraft eine langfristige und verlässliche Einkommensquelle. Gleichzeitig erfordert ihr Ausbau sorgfältige Planung, umfangreiche Genehmigungen und erhebliche Investitionen. Herausforderungen bestehen zudem in der Akzeptanz vor Ort, etwa beim Landschaftsbild oder hinsichtlich der Geräuschentwicklung.
Während Biogas, Photovoltaik und Windkraft in landwirtschaftlichen Betrieben bereits fest etabliert sind, gibt es Ansätze, die bisher nur in geringem Umfang zur Energieerzeugung genutzt werden.
Algenenergie: Algen lassen sich in speziellen Becken oder geschlossenen Systemen kultivieren. Sie wachsen schnell, benötigen keine Ackerflächen und binden große Mengen Kohlendioxid. Ihre Biomasse kann für Biogas oder Biokraftstoffe genutzt werden, daneben entstehen Nebenprodukte für Lebensmittel oder Industrie. Erste Pilotanlagen zeigen, dass Algenkulturen eine Option sein können, wenn herkömmliche Flächen begrenzt sind.
Agroforstsysteme mit Energieholz: Agroforstsysteme kombinieren Ackerbau oder Tierhaltung mit Gehölzstreifen. Diese Strukturen verbessern das Mikroklima, bieten Lebensräume für Tiere und liefern gleichzeitig Holz, das energetisch genutzt werden kann. Die Energieproduktion erfolgt hier in einer ergänzenden Form der Flächennutzung.
Power-to-Gas-Anlagen setzen hier an: Sie nutzen überschüssige Energie, um Wasserstoff herzustellen, der in das Gasnetz eingespeist oder weiterverarbeitet werden kann. In Verbindung mit Biogasanlagen entstehen Systeme, die Stromproduktion und Speicherung enger miteinander verknüpfen.
Regionale Energiegemeinschaften: In einigen Regionen schließen sich Landwirtinnen und Landwirte, Kommunen und Bürgergemeinschaften zusammen, um Energieprojekte gemeinsam zu betreiben. Diese Modelle ermöglichen eine direkte Nutzung von Strom und Wärme vor Ort und stärken die regionale Wertschöpfung. Zugleich fördern sie die Akzeptanz von Anlagen, da die Gewinne nicht Betreiber gehen, sondern in der Region bleiben.

Die Bundesregierung hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Bis 2030 sollen 215 Gigawatt Photovoltaik und 115 Gigawatt Windkraft installiert sein. Ohne die Flächen und die Beteiligung der Landwirtschaft werden diese Ziele kaum erreichbar sein.
Gleichzeitig stehen landwirtschaftliche Betriebe vor neuen Herausforderungen. Hohe Investitionskosten, komplexe Genehmigungsverfahren, Fragen der Netzanbindung und ein wachsender technischer Aufwand verlangen fundiertes Wissen und eine strategische Herangehensweise. Erfolgreich sind vor allem jene Höfe, die Energieprojekte in ein ganzheitliches Betriebskonzept integrieren und Kooperationen mit Partnern aus Technik, Wirtschaft und Forschung eingehen.
Die bisherigen Erfahrungen mit Biogas, Agri-PV und Windkraft zeigen, dass die Landwirtschaft längst zu einem festen Bestandteil der Energiewirtschaft geworden ist. Mit innovativen Ansätzen wie Algenenergie oder Power-to-Gas könnten landwirtschaftliche Betriebe künftig noch stärker zur klimafreundlichen Energieversorgung beitragen. Damit bleibt die Landwirtschaft nicht nur Garant für Ernährungssicherheit, sondern entwickelt sich zunehmend zu einem unverzichtbaren Teil in der Energiewende.