Die Preise für Lebensmittel sind in den letzten Jahren und insbesondere in letzter Zeit gestiegen. Dafür gibt es viele Gründe – doch Fakt ist, dass trotz gestiegener Preise viele landwirtschaftliche Betriebe nicht oder kaum von den Erhöhungen profitieren und ihre Erzeugnisse zum Teil sogar unter den Produktionskosten verkaufen müssen. In diesem Beitrag zeigen wir Dir, warum diese Diskrepanz herrscht und was angemessene Preise für Milch und andere landwirtschaftliche Produkte wären.
Die Preisfindung bei Lebensmitteln ist sehr komplex. Auf der einen Seite sind verschiedene Branchen an der Produktion, Verarbeitung, Logistik, Lagerung und Verteilung der Lebensmittel beteiligt und wollen an den Erlösen in der Wertschöpfungskette beteiligt werden. Schauen wir uns beispielsweise einen Liter Milch an, den Du im Supermarkt kaufst. Der Preis, den Du an der Kasse zahlst, berücksichtigt die Kosten des Milchbauern, der Molkerei, des Einzelhandels und der Logistik (siehe Grafik). Außerdem beeinflussen politische Entscheidungen, Lieferschwierigkeiten, Wetter und Klima die Produktion und Verteilung von Lebensmitteln, was sich auch auf den Preis im Supermarkt auswirkt.

Zum anderen leben wir in Deutschland in einer Marktwirtschaft, in der Märkte und die Verfügbarkeit von Gütern die Preise mitbestimmen. Ein hohes Angebot, sorgt in der Regel für Preisdruck. Ein weiterer Einflussfaktor ist die große Marktmacht des in Deutschland hochkonzentrierten Lebensmitteleinzelhandels. Um mit niedrigen Preisen um Kunden konkurrieren zu können, verhandelt dieser mit einen Zulieferern Sonderkonditionen. Tiefpreiskampagnen und häufige Sonderangebote führen zu Erzeugerpreisen, die teilweise unter den Produktionskosten liegen. Auch die Politik ist grundsätzlich an niedrigen Lebensmittelpreisen interessiert, denn dadurch bleiben wertvolle Nahrungsmittel für alle bezahlbar.
Hinter dem Preis, den Du an der Kasse zahlst, steckt ein mehrstufiger Prozess. Jede Wertschöpfungsstufe hat eigene Interessen – und eigene Verhandlungsmacht. So funktioniert die Preisbildung von der Weide bis zum Regal:
Das Ergebnis dieses Prozesses: Je mehr Stufen zwischen Hof und Regal liegen, desto weniger bleibt beim Erzeuger. Und wer am Anfang der Kette steht, hat oft ein sehr geringen Erlösanteil.
Quelle: BVLH: Lebensmittelkette erklärt (bvlh.net); DUH-Hintergrund „unFAIRE PREISE“, November 2023; Monopolkommission Sondergutachten Lebensmittellieferkette 2025
Quelle: agrarheute.com: „78 Cent für Trinkmilch: So setzt sich der Preis zusammen", 2018.
Ein Liter konventionelle Frischmilch kostete 2024 im deutschen Supermarktdurchschnittlich 1,05 Euro – rund 35 Prozent mehr als noch2018. Der Anteil, der beim Erzeuger ankam, ist dabei kaum mitgewachsen. Lautdem Institut für Ernährungswirtschaft (ife) verteilte sich der Ladenpreiszuletzt wie folgt:
Quelle: Institut fürErnährungswirtschaft (ife), Stand 2022; landwirtschaft.de / BZL 2024
Der Erzeugeranteil liegt weiterhin knapp unter 50 Prozent. Der Ladenpreis ist gestiegen, die Marge auf dem Hof blieb nahezu gleich.

Nicht nur beim Milchpreis zeigt sich dieses Muster. Ein Blick auf die gesamte Lebensmittelkette macht das strukturelle Ungleichgewicht sichtbar: Von der gesamten Bruttowertschöpfung, die zwischen Acker und Supermarktkasse entsteht, landet laut einer Analyse der Deutschen Umwelthilfe gerade einmal 14 Prozent bei der Landwirtschaft, obwohl sie den Grundstein für die Wertschöpfungskette legt und die Rohmaterialien produziert.
Quelle: DUH-Hintergrund„unFAIRE PREISE“, November 2023; Daten: Thijssen et al., LEL Baden-Württemberg
Historischist dieser Anteil stark gesunken. 1970 erhielten Erzeugerinnen und Erzeugernoch deutlich mehr vom Endpreis:
Quelle: DUH-Hintergrund„unFAIRE PREISE“, November 2023; Daten: Thijssen et al., LEL Baden-Württemberg
Vier Konzerne – Edeka, Rewe, Aldi, Schwarz/Lidl – kontrollieren rund 85 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels. Diese Konzentration verschafft dem Handel eine sehr starke Verhandlungsposition gegenüber der Landwirtschaft.
Quelle: DUH, November 2023; HDE-Handelsreport Lebensmittel; Monopolkommission Sondergutachten Lebensmittellieferkette 2025
Die genannten Einflüsse auf die Preisgestaltung führen dazu, dass Landwirte immer wieder mit Erzeugerpreisen wirtschaften müssen, die unter den tatsächlichen Produktionskosten liegen. Für 1 l Milch bekamen die Milchbetriebe 2019/2020 im Durchschnitt 38 Cent – die tatsächlich entstehenden Kosten lagen jedoch bei 43,90 Cent, wie unsere Kalkulation zeigt:
Im Jahr 2024 lagen die Erzeugerpreise bei durchschnittlich 48,14 Ct/kg. Kostendeckend – aber nur knapp. Laut einer Vollkostenauswertung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen lag das kalkulatorische Betriebsergebnis im Wirtschaftsjahr 2023/24 im Schnitt bei –2,21 Ct/kg Milch. 2025 startete das Milchjahr mit 52,67 Ct/kg auf außergewöhnlich hohem Niveau. Doch dann kam das Überangebot: Bis Dezember 2025 brach der Preis auf 43,45 Ct/kg ein – ein Rückgang um fast zehn Cent innerhalb eines Jahres. Der Jahresschnitt 2025 von 52,24 Ct/kg klingt ordentlich. Was er nicht zeigt: die Monate, in denen Betriebe wieder unter ihren Kosten lagen – und die Probleme, die damit einhergehen.
Quelle: BMEL-Statistik: Milchpreise und Milchmengen in Deutschland, Stand 2025; ZMB Jahresrückblick 2024 (milk.de); top agrar: „Milchpreis 2025: Hoch eingestiegen, deutlich nachgelassen"; LWK Niedersachsen: Vollkostenauswertung Milch 2023/24
Masthähnchen erzielten 2024 im Jahresmittel rund 1,16 Euro/kg. Die Marge ist gering – Futter, Energie und gestiegene Anforderungen an die Tierhaltung engen den Spielraum ein. Bei Eiern stiegen die Erzeugerpreise im April 2025 um 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr – ausgelöst durch eine angespannte Versorgungslage. Auch hier gilt: Preissteigerungen kommen beim Betrieb erst verzögert an, weil Lieferverträge mit dem Handel Monate im Voraus fixiert werden.
Quelle: Situationsbericht 2025 des Deutschen Bauernverbands (situationsbericht.de, Abschnitt 6.2); Geflügelnews.de, April 2025; BLE: Bericht zur Markt- und Versorgungslage mit Eiern 2025
Niedrige Erzeugerpreise haben vielfältige Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Arbeitsweise. Studien zeigen, dass sie die Existenz vor allem kleinerer Höfe bedrohen, zu Abhängigkeiten von Subventionen führen und Auswirkungen auf Tierwohl und Naturschutz haben.

Für das sogenannte Höfesterben gibt es viele Gründe, darunter die Kombination aus niedrigen Erzeugerpreisen, steigenden Kosten und verhältnismäßig geringen Subventionen für flächenarme Betriebe. Die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe geht seit Jahren kontinuierlich zurück.

Mit der „Gemeinsamen Agrarpolitik“ (GAP) versucht die Europäische Union, landwirtschaftliche Betriebe zu stützen und zugleich bezahlbare Lebensmittel für alle zu gewährleisten. Die Zahlungen aus Brüssel werden überwiegend auf Hektare umgelegt, dadurch erhalten Betriebe, die große Flächen bewirtschaften, mehr Unterstützung als kleinere.

Für Tierhalter ist die Gesundheit ihrer Tiere das wichtigste Gut, denn nur gesunde Tiere bringen auch eine gute Leistung. Doch gesetzliche Vorgaben und hohe Kosten der Tierhaltung bei gleichzeitig niedrigen Erlösen verhindern aktuell den Umbau von Ställen.

Tierhaltung, die Düngung von Ackerflächen und der Einsatz von Maschinen verursachen Emissionen, die sich auf Klima und Natur auswirken. Besonders viele Emissionen entstehen bei einer intensiven Landnutzung, die auf eine möglichst hohe Effizienz ausgerichtet ist, um dem Preisdruck des Lebensmitteleinzelhandels standzuhalten. Während viele Landwirte eine extensivere Landnutzung befürworten, ist diese aufgrund der geringen Gewinnmargen in der konventionellen Landwirtschaft oft nicht möglich.
Angemessene Erzeugerpreise sollten sich an den tatsächlichen Produktionskosten für landwirtschaftliche Produkte orientieren und zudem Schwankungen durch klimatische und politische Einflüsse berücksichtigen. Damit dies geschehen kann, haben Forscher verschiedene ineinandergreifende Maßnahmen vorgeschlagen.
Viele Verbraucher achten bei ihrem Einkauf bereits auf verschiedene Angaben zu ihren Lebensmitteln, wie Nährwert, Klimabilanzen, Tierwohl und Produktionsbedingungen. Doch häufig fehlen umfassende Informationen, wie all diese Aspekte zusammengehören und wie sie sich auf die Preise auswirken.

Bei der Direktvermarktung über Hofläden, Automaten oder auf Wochenmärkten können Landwirte die Preise ihrer Produkte selbst festlegen und eine größere Gewinnmarge einstreichen. Die Umsetzung solcher Konzepte ist jedoch mit Investitionen (zum Beispiel für die Einrichtung eines Hofladens) und erhöhten Lohnkosten verbunden. Zudem ist dies oft nur für solche Betriebe eine Option, die in der Nähe städtischer Ballungsräume liegen. Verbraucher sind nur bedingt bereit, weite Wege in Kauf zu nehmen.

Angemessene Erzeugerpreise können viele positive Effekte auf Tierwohl, die in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen, Umwelt und Klima haben:
Was bedeutet das für Dich als Verbraucherin oder Verbraucher?Jedes Mal, wenn Du Lebensmittel kaufst, bist Du Teil dieser Wertschöpfungskette. Und auch wenn die Preisbildung komplex ist und sich nicht allein durch Dein Einkaufsverhalten verändern lässt – Deine Entscheidungen haben Gewicht. Hier die wichtigsten Fakten, die Dir dabei helfen, den Preis im Regal besser einzuordnen:
Quellen: BMEL-Statistik 2025; ZMB Jahresrückblick 2024; DUH November 2023; BLE Berichte Milch & Eier 2025; Situationsbericht DBV 2025; ife / landwirtschaft.de

Lebensmittel sind günstig – das ist in Deutschland politisch und gesellschaftlich gewünscht. Doch dieser Preis hat einen Preis: Den zahlen häufig die Menschen, die unsere Lebensmittel erzeugen. Drei Zusammenhänge, die beim nächsten Einkauf einen Unterschied machen können:
Von einem Euro, den Du für Milch zahlst, erhält der Hof rund 48 Cent. Klingt nach fast der Hälfte – ist es auch. Aber die Produktionskosten liegen oft nur knapp darunter. Und wenn der Markt schwankt, wie 2025, als der Milchpreis innerhalb eines Jahres von 52,67 auf 43,45 Cent fiel, bleibt für Betriebe kaum Spielraum.
1970 flossen bei Eiern noch rund 85 Prozent des Endpreises zum Erzeuger. Heute sind es rund 40 Prozent. Bei Fleisch sank der Anteil von 45 auf etwa 20 Prozent. Die Wertschöpfung ist nicht verschwunden – sie hat sich entlang der Kette verschoben: Richtung Verarbeitung und Handel.
Edeka, Rewe, Aldi und Schwarz/Lidl kontrollieren rund 85 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels. Das gibt dem Handel eine Verhandlungsmacht, die strukturell zu Lasten der Erzeuger geht – unabhängig davon, wie hart LandwirtInnen arbeiten oder wie gut ihre Produkte sind.
Quellen: BMEL-Statistik 2025; ZMB Jahresrückblick 2024; DUH November 2023; top agrar 2025; ife / landwirtschaft.de / BZL